Aminosäuren und ihre Bedeutung für Enddarmleiden
Beschwerden im Enddarmbereich sind weiter verbreitet als viele denken – Schätzungen zufolge ist etwa jeder zweite Erwachsene im Laufe seines Lebens davon betroffen.1 Gesprochen wird darüber selten. Dabei ist die Forschung zu den Ursachen und zur unterstützenden Versorgung gut entwickelt. Zwei Faktoren spielen eine zentrale Rolle: die Durchblutung im Enddarmbereich und die Festigkeit des Bindegewebes. Genau hier setzen bestimmte Aminosäuren an.
Arginin – bessere Durchblutung, weniger Druck, schnellere Heilung
Hämorrhoiden sind natürliche Gefäßpolster, die den Schließmuskel unterstützen. Problematisch werden sie, wenn sich dauerhaft zu viel Druck im Enddarmbereich aufbaut – das Blut staut sich, die Polster vergrößern sich und verursachen Beschwerden. Einer der am besten belegten Wirkmechanismen gegen diesen Teufelskreis ist die Aminosäure Arginin.
Der Körper bildet aus Arginin Stickstoffmonoxid (NO) – ein Signalmolekül, dessen Entdeckung 1998 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde.2 NO entspannt die glatte Muskulatur in den Gefäßwänden, macht sie elastischer und verbessert so die Durchblutung. Fließt das Blut gleichmäßiger durch die feinen Gefäße des Enddarms, entstehen weniger Stauungen – und damit weniger vergrößerte Hämorrhoiden.3
Das bestätigt eine viel beachtete niederländische Studie: Bei den Probanden wurde der Druck im Schließmuskelbereich gemessen – er lag im Durchschnitt bei 70 mmHg. Nach der Arginingabe sank er auf 41 mmHg, ein Rückgang von 42 Prozent. Nebenwirkungen: keine.4 Arginin fördert darüber hinaus die Wundheilung – was im Enddarmbereich besonders hilfreich ist, wenn es zu kleinen Verletzungen oder Einrissen gekommen ist.5
Arginin und die Analvenenthrombose
Die Analvenenthrombose ist eine der häufigsten Ursachen für einen Besuch beim Proktologen – und wird von Betroffenen oft mit Hämorrhoiden verwechselt. Dabei handelt es sich um ein Blutgerinnsel in den äußeren Venen des Afterbereichs, das einen schmerzhaften, bläulichen Knoten bildet. Ausgelöst wird es häufig durch erhöhten Druck, Kälte, hormonelle Veränderungen – oder durch eine gestörte Durchblutung im Gefäßbereich.6
Auch hier spielt Arginin eine wichtige Rolle – auf eine Weise, die zu verstehen sich lohnt. Arginin wirkt nicht wie ein Blutverdünner. Es greift nicht in die Blutgerinnung ein und verdünnt das Blut nicht. Stattdessen sorgt das aus Arginin gebildete Stickstoffmonoxid – dessen Entdeckung, wie erwähnt, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde – dafür, dass die Gefäßinnenwände gesund und elastisch bleiben. Eine intakte, gut durchblutete Gefäßwand verhindert von sich aus, dass Blutplättchen sich anlagern und verklumpen.7 Thrombosen entstehen bevorzugt dort, wo die Durchblutung stockt und die Gefäßwände ihre Schutzfunktion verloren haben. Arginin wirkt also an der Ursache – nicht am Symptom.
Lysin und Vitamin C – das Fundament des Bindegewebes
Neben der Durchblutung ist die Stabilität des Bindegewebes entscheidend. Eine genetisch bedingte Bindegewebsschwäche im Enddarmbereich gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Hämorrhoidalbeschwerden – und Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer, da hormonelle Veränderungen das Bindegewebe zusätzlich beeinflussen.8 In der Schwangerschaft ist das Risiko besonders erhöht: Das Hormon Progesteron lockert das Bindegewebe, gleichzeitig steigt der Druck im Beckenboden.
Das Bindegewebe besteht aus Kollagenfasern, die Struktur und Elastizität verleihen. Für ihre Bildung ist die Aminosäure Lysin unentbehrlich: Sie wird in den Bindegewebszellen chemisch umgebaut und bildet die Grundlage für die feste Vernetzung der Kollagenfasern – ohne diesen Schritt entstehen instabile, brüchige Strukturen.9 Da Lysin eine essenzielle Aminosäure ist, muss sie über die Nahrung oder als Nahrungsergänzung zugeführt werden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Fähigkeit des Körpers ab, Kollagen in ausreichender Qualität herzustellen – das Bindegewebe verliert an Festigkeit, und das Risiko für Hämorrhoidalbeschwerden steigt.
Vitamin C ist dabei ein unverzichtbarer Partner von Lysin: Es aktiviert die Enzyme, die Lysin für die Kollagensynthese umbauen. Fehlt Vitamin C, entstehen fehlerhafte Kollagenfasern – mit spürbaren Folgen für Gewebsstabilität und Wundheilung.10
Zink – Schutz vor Entzündungen, Hilfe bei der Heilung
Kleine Verletzungen im Enddarmbereich können sich leicht entzünden – und unbehandelte Entzündungen sind häufig der Übergang von harmlosen Beschwerden zu ernsteren Komplikationen. Das Spurenelement Zink ist in dieser Situation auf mehreren Ebenen hilfreich: Es ist Bestandteil der Enzyme, die am Stoffwechsel von Lysin und Arginin beteiligt sind, wirkt entzündungshemmend und antioxidativ und beschleunigt die Wundheilung. Studien zeigen, dass ein Zinkmangel Heilungsprozesse messbar verlangsamt – und dass eine ausreichende Versorgung die Entzündungsreaktion dämpft, bevor sie sich ausbreiten kann.11
Quellen
1Pronova BKK / gesund.bund.de (2023) Hämorrhoiden – Ursachen, Symptome, Behandlung, pronovabkk.de
2The Nobel Assembly at Karolinska Institutet (1998) The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1998, nobelprize.org
3Chong, P.S. & Bartolo, D.C. (2008) Hemorrhoids and fissure in ano, Gastroenterology Clinics of North America, Volume 37, Issue 3 (pp. 627–644)
4Schouten, W. et al. (2000) Effects of L-arginine on resting anal pressure, Diseases of the Colon & Rectum, Volume 45 (pp. 1332–1336)
5Hill, N. et al. (2011) Military nutrition: maintaining health and rebuilding injured tissue, Philosophical Transactions of the Royal Society B, Volume 366 (pp. 231–240)
6DocMedicus Gesundheitslexikon (2025) Analvenenthrombose – Ursachen, gesundheits-lexikon.com
7Freedman, J.E. (2003) Nitric oxide and its relationship to thrombotic disorders, Journal of Thrombosis and Haemostasis, Volume 1 (pp. 1183–1188)
8Helios Gesundheit (2023) Hämorrhoiden – Ursachen, Diagnose und Behandlung, helios-gesundheit.de – mit Bezug auf AWMF S1-Leitlinie Hämorrhoidalleiden
9Vitalstoff-Lexikon DocMedicus (2024) Lysin – Funktionen: Hydroxylierung von Lysin während der Kollagen-Biosynthese, vitalstoff-lexikon.de
10Duarte, T.L., Cooke, M.S. & Jones, G.D.D. (2009) Gene expression profiling reveals new protective roles for vitamin C in human skin cells, Free Radical Biology and Medicine, Volume 46, Issue 1 (pp. 78–87)
11Saper, R.B. & Rash, R. (2009) Zinc: an essential micronutrient, American Family Physician, Volume 79, Issue 9 (pp. 768–772)